Bäume pflanzen

belleville – nicht wenige Leben sind kürzer – wird jeweils am 21. Juli eines jeden Jahres um ein Jahr älter.

Begonnen hat es 1982, mit dem Buch 200 D von Christopher Roth (86 S., € 10,-, ISBN 978-3-923646-00-5) Der für dieses erste Buch meines Verlages von Gerhard Merz gestaltete Schutz-Umschlag ist ein Siebdruck auf Chromolux.

200 D ist nicht das einzige Buch geblieben. Wer mag, kann sich in diesem Rückblick, in dieser Vorschau die Bücher ansehen, die im Laufe der Jahre entstanden sind. Selbst die, die angekündigt wurden, bisher aber (noch) nicht erschienen sind, aus welcherlei Gründen auch immer: Sie werden erscheinen (oder auch nicht), früher oder später. Und das eine oder andere Buch wird noch hinzukommen. An Ideen mangelt es nicht.

Zweifelsohne, belleville hätte ausschließlich eine Bibliothek meiner Lieblingsbücher werden können. Allerdings, nicht wenige von jenen, die ich besonders schätze, sind längst verlegt und zudem lieferbar: Der Kopf des Vitus Bering von Konrad Bayer etwa, ebenso Oswald Wieners Die Verbesserung von Mitteleuropa, Roman oder Oskar Panizzas »Skizze einer Weltanschauung« Der Illusionismus und Die Rettung der Persönlichkeit.

Was ich sagen will: Bücher zu verlegen bedeutet für mich, Halluzinationen Wirklichkeit werden zu lassen. Bücher zu lesen natürlich auch. Oder wie Oskar Panizza schreibt: »Also ein Baum, den ich halluziniere, entsteht als zentraler Prozess in meinem Hirn, resp. in meiner Vorstellung, und wird von hier aus in die Aussenwelt verlegt, wo ich ihn sehe, während ihn meine Nebenmenschen nicht sehen. Aber wie kommt es, dass ein Prozess, der in der Regel von aussen nach innen verläuft – der in der Aussenwelt wirklich vorhandene Baum wirkt als Reiz auf mein Auge und pflanzt sich fort bis in mein Hirn, wo er als Baum gesehen wird – nun auf einmal den umgekehrten Weg einschlägt, und, wie die Halluzination von Innen nach Aussen geht?«

Hier und Jetzt – Das Leben ein Puzzle

Was bisher geschah: Aus Halluzinationen wurde Wirklichkeit. Die sich (auch) kaufen lässt, die man anfassen kann – und lesen.

Am Ende dann ergibt das Puzzle (aus seither erschienenen Bücher) ein Bild: Verloren geglaubte Teile finden sich doch noch an, Kompliziertes wird plötzlich einfach, das Blau des Himmels ist endlich durchgehend, die Wellen wogen, die Skyline funkelt.

»Indem ich es aber zeige«, schreibt Hegel in der Phänomenologie, »hört das Jetzt auf zu sein; ist im Moment des Zeigens bereits ein gewesenes ... Was aber gewesen ist, ist kein Wesen; es ist nicht mehr. Wird Bewegung ... wird ein Jetzt, ein Jetzt und noch ein Jetzt ... wird ein Jetzt als einfacher Tag, das viele Jetzt in sich hat ... Stunden ... Minuten ... viele Jetzt ... eine Vielheit von Jetzt ... «

»Und das Hier ist, wie dieses Jetzt, nicht ein Hier, sondern ein Vorn und Hinten, ein Oben und Unten, ein Rechts und Links. Es verschwindet ... in anderen Hier, verschwindet ... in einer Komplexion aus vielen Hiers ... geht über in eine Bewegung von dem gemeinten Hier ... geht über ... durch viele Hier ... in das allgemeine Hier Zu sein, das ... wie der Tag ... eine Vielheit der Jetzt ... eine Vielheit der Hier ist ... «

Auf des Messers Schneide – Das Leben kein Spiel

Am 21.7.2013 wurde der belleville Verlag 31 Jahre alt.

Die Sentenz zum 31. Jahr:
SICH TREU BLEIBEN ist das Eine. SICH VERLOREN GEHEN das Andere. Eine Binsenwahrheit, dass auf diesem schmalen Grad das Leben verläuft. Manchmal aber will man, wie es am Ende von Henryk Berkowitz’ Reiseroman In der Reihenfolge ihres Erscheinens heißt, einfach nur SICH SONNEN FAHREN.



Henryk Berkowitz
In der Reihenfolge ihres Erscheinens
Ein Reiseroman
160 Seiten, broschiert
mit DVD